Die Geschichte des Eurasburger Frühjahrsmarsches

Es begann alles damit, dass irgendwann an einem Samstag im Jahr 1968, das genaue Datum lässt sich aufgrund fehlender Aufzeichnungen nicht mehr sagen, ja es ist nicht mal sicher, ob es überhaupt im Frühjahr war (!!), drei abenteuerlustige junge Burschen in Grünwald der Trambahnlinie 25 entstiegen und sich auf die Suche nach einem Fußweg nach Eurasburg machten. Initiator dieses Unternehmen war der damalige städtische Angestellte Hans Jakob, der als Knabe schon viele Tage in Eurasburg verbracht hatte und sich mit zunehmendem Alter und zunehmender Erweiterung nicht nur seines geistigen Horizontes immer wieder die Frage stellte, ob es wohl außer der, erst seit noch gar nicht so langer Zeit durchgehend asphaltierten Straße über Straßlach, Deining und Wolfratshausen, die er schon als kleiner Bub im Vorkriegs-DKW seines Opas mitgefahren war (die Garmischer Autobahn gab es damals noch lange nicht), auch einen Fußweg nach Eurasburg gebe. Den ersten Teil der Strecke von Grünwald zum Bruckenfischer kannte er schon vom jährlichen Wanderausflug mit seinen Eltern - aber dann, in der Pupplinger Au, würde das Abenteuer beginnen. Unterstützt und begleitet wurde er von seinen Kollegen und Freunden Peter Zeller und Helmut Schwarzbach, insbesondere ersterer immer für jede Art von Schnapsidee zu haben. Da sie sich anscheinend nicht wesentlich verlaufen haben (Peter hatte ja auch eine Landkarte dabei), erreichten sie nach einem kurzen Intermezzo in Gestalt eines Fußballspieles mit drei kleinen Buben in Wolfratshausen, das sie sogar auch noch gewannen, irgendwann mal das Häuschen in Lengenwies und ließen den Tag mit ausgiebigem Tischtennisspielen beim Nachbarn ausklingen. So sportlich waren die drei!

 

Zwei Jahre später wurde dieses Unternehmen wiederholt, es schlossen sich auch schon fünf weitere Wanderfreunde an. Und als dann unsere drei Freunde mit den weiteren Idealisten Monika Erlacher, Gaby Früh, Heidrun Obermeier und Helmut Cegla auch noch den ruhmreichen "Verein zur körperlichen und geistigen Ertüchtigung Rain von 1972 e.V." gründeten, war damit auch die Idee des "Eurasburger Frühjahrsmarsches" geboren, der fortan als krönender Höhepunkt des Vereinslebens alljährlich durchgeführt werden sollte.


Der Verein zeigte jedoch bald erste Tendenzen des Verfalls und löste sich bereits 1975 durch den zeitgleichen Austritt seiner noch verbleibenden zwei Mitglieder, des ersten Vorsitzenden Hans Jakob und seines Stellvertreters und zweiten Vorsitzenden Peter Zeller, quasi selbst auf.

Der Frühjahrsmarsch aber hatte Bestand und gewann immer mehr Freunde, was bereits 1975 in der bis dahin und auch danach lange nicht mehr erreichten Rekordteilnehmerzahl von achtzehn Gehern gipfelte. Bei großer Hitze, aber auch bei richtigem Sauwetter, geht seitdem jedes Jahr im Mai ein Häufchen Unentwegter diese legendären dreißig Kilometer, die eigentlich wohl nur achtundzwanzig sind, was aber so richtig auch noch nie jemand nachgemessen hat. Nur 1987 musste das Unternehmen in Grünwald bei eisigem Nieselregen abgesagt werden, was aber fünf Narrische nicht hinderte, trotzdem los- und bis zum Ziel durchzugehen, während der Rest der Teilnehmer den ersten Teil des Tages vorwiegend bei Möbel Mahler in Wolfratshausen verbrachte. 1995 sah sich eine Minderheit von fünf Anwesenden in Grünwald veranlasst, wegen des angeblich schlechten Wetters zu streiken. Ausgefallen ist der Eurasburger Frühjahrsmarsch nur 1979, 1989 (wegen der Erkrankung von Frieder Kießling, der noch im selben Sommer starb), 1991, als das alte Häuschen bereits im April abgerissen wurde und 2012 wegen eines Wasserschadens.

Der Neubau stellte einen Meilenstein in der Geschichte des Frühjahrsmarsches dar. Das alte Häuschen, in den Nachkriegsjahren auf einem gegen ein Radio (!!) eingetauschten Grundstück von meinem Großvater und einem Freund in Eigenarbeit errichtet, war im Laufe der Jahre so renovierungsbedürftig geworden, dass sich eine Renovierung nicht mehr rentierte. Auch hatte es weder Wasseranschluss noch Kanalisation. Der schmucke und - nicht nur gemessen an seinem Vorgänger - richtig komfortable Neubau, geplant nach meinen Vorstellungen, wurde im Juni 1991 errichtet und dient seit dem darauf folgenden Jahr dem Eurasburger Frühjahrsmarsch als Ziel.

Seit dem Jahr 1993 nahm auch die Zahl der jugendlichen Geher deutlich zu. Nicht nur meine Kinder, auch die Kinder anderer Teilnehmer waren in diesem Jahr erstmals dabei und viele von ihnen haben sich schon das Weißbierglas, das traditionelle Jubiläumsgeschenk für eine zehnmalige Teilnahme, verdient. So schließt sich der Kreis: Waren es drei noch sehr junge Freunde, die diese Tradition begründeten, so sind es jetzt wieder junge Frauen und Männer, die mithelfen, sie aufrecht zu erhalten.

Anlässlich des 25. Eurasburger Frühjahrsmarsches stifteten die Teilnehmer eine neue Bank am Loisachkanal in Gelting, dem traditionell letzten Rast- und Brotzeitplatz. Leider wurde das zur Erinnerung angebrachte Schild schon zweimal von dummen Mitmenschen abmontiert und auch die Bank modert langsam vor sich hin.

Der Weg führte uns - seit er von den kühnen Entdeckern gesucht und gefunden wurde - lange Jahre von Grünwald über Straßlach ins Mühltal, entlang dem Isarkanal vorbei am Bruckenfischer bis zur alten Kanalbrücke bei der Wirtschaft Aumühle. Nach der ersten Brotzeit, meistens begleitet von der Blas- oder Jazzmusik der vorbeifahrenden Floße, geht es weiter auf gewundenen Pfaden entlang der Isar oder auf der geteerten Straße durch die Pupplinger Au bis zur Marienbrücke in Weidach. Hier trennt sich die Spreu vom Weizen, die Fußkranken schleppen sich noch einen guten Kilometer zum Bahnhof nach Wolfratshausen, das immer größere Häufchen der tapferen Aufrechten wandert weiter nach Gelting und immer weiter den Loisachkanal entlang bis Baierlach und dann die letzten zähen Meter auf dem alten Bahndamm bis Lengenwies. Diese Strecke wurde gelegentlich etwas variiert, aber nie wesentlich verändert. Im Jahr 2002 zwangen uns Bauarbeiten an der Grünwalder Brücke, den Start zu verlegen. Seitdem ging es von Baierbrunn steil hinab ins Tal der Isar, wo wir dann kurz nach Kloster Schäftlarn beim Bruckenfischer auf die alte Strecke trafen. Um dem zunehmenden Alter vieler Teilnehmer Rechnung zu tragen, haben wir die Strecke dann 2013 nochmals etwas verkürzt. Wir gehen seitdem von Ebenhausen-Schäftlarn vorbei am Kloster Schäftlarn zum Bruckenfischer. Diese Verkürzung des Weges und somit auch der Gehzeit lässt nun auch ein etwas längeres Verweilen bei der Brotzeit in Eurasburg zu.
Aufgrund exakter Messungen unseres GPS-Spezialisten Heinz wissen wir jetzt auch, dass die neue Strecke genau 21,42 km beträgt.


Der Eurasburger Frühjahrsmarsch wäre nicht denkbar ohne meine Eltern. Sie stellten - zumindest in den ersten Jahren mit nur mäßiger Begeisterung - ihr geliebtes Häuschen zur Verfügung, wobei insbesondere mein Vater mich immer wieder ermahnte, nicht zuviel Leute einzuladen. Er war dann immer wieder erstaunt, wie viele letztlich doch hineinpassten. Er schimpfte viel über den Trubel und freute sich doch über das rege Leben, das hier stattfand, insbesondere in Gestalt junger Mädels, denen er die Blasen an den Füßen aufstechen konnte. Auch ließ er es sich nicht nehmen, zur Schonung der Toilettengrube hinten im Garten aus Stecken und Planen ein Pissoir zu basteln. Meine Eltern bereiteten die Brotzeit vor und besorgten am Sonntag nicht selten allein das Aufräumen. Meiner Mutter habe ich durch diese Terminplanung so manchen Muttertag versaut.

Erinnert sei nochmals ausdrücklich an Peter Zeller, der bereits im Frühjahr 1975 auf tragische Weise verunglückte und so die große Zeit des Eurasburger Frühjahrsmarsches nicht mehr erlebte, an Wolfgang Dilloo, der wie wenige andere den Eurasburger Frühjahrsmarsch belebte, sowie an Wolfgang Blechinger, der zwar aufgrund seines Herzleidens nie mitgehen konnte, aber trotzdem lange Jahre dazu gehörte.